CV Ulrich Seeger (* 9.10.1955 in Karlsruhe)



Ich habe an der Universität Heidelberg Semitistik studiert. Semitistik ist die Lehre von den semitischen Sprachen, ähnlich wie Romanistik die Lehre von den romanischen Sprachen oder Slawistik die Lehre von den slawischen Sprachen ist, also ein rein sprachwissenschaftliches Fach. Die bekanntesten semitischen Sprachen sind Arabisch, Aramäisch, Hebräisch, Akkadisch, Äthiopisch, Südarabisch. Einige dieser Sprachen sind seit mehreren tausend Jahren durch schriftliche Zeugnisse belegt, die meisten werden bis in die Gegenwart hinein in zahlreichen dialektalen Varianten gesprochen. Die Semitistik an der Universität Heidelberg war neuphilologisch ausgerichtet, hatte also ihren Schwerpunkt auf den lebenden, noch gesprochenen Varianten des Aramäischen, Arabischen und Südarabischen.

Im Verlaufe meines Studiums verlegte ich meinen Studienschwerpunkt auf die neuarabischen Dialekte und schrieb meine Magisterarbeit über den arabischen Dialekt von Hebron im besetzten Westjordanland. Ich besuchte dazu mehrfach Hebron, machte Tonaufnahmen von Sprechern aus der Stadt, erstellte phonetische Transkriptionen und Übersetzungen davon und schrieb schließlich basierend auf diesem eigenen Material einen kurzen Abriss der Grammatik dieses Dialekts.

Während des Studiums besuchte ich ein Seminar über Usbekistan-Arabisch bei Otto Jastrow. Dort erfuhr ich, dass eine Volkszählung in der Sowjetunion in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die erstaunliche Tatsache ans Licht brachte, dass es in Usbekistan einige Dörfer gibt, in denen seit alters her Arabisch gesprochen wird. Deren Einwohner sind mit den ersten arabischen Eroberungswellen in dieses zentralasiatische Land gekommen und wurden in der Folgezeit von ihren arabischen Nachbarn räumlich abgeschnitten, sodass sie keinen Kontakt mehr zur übrigen arabischen Welt hatten. Dadurch behielt ihr Dialekt einerseits sehr altertümliche Züge, nahm andererseits aber eine völlig andere Entwicklung als die übrigen arabischen Dialekte. Fasziniert von diesem Randdialekt beschäftigte ich mich mit der Geschichte der arabischen Eroberungen und kam zu dem Schluss, dass es auch im Ostiran noch Reste dieser alten arabischen Kolonisten geben müsste. Also reiste ich nach Abschluss meines Hauptstudiums in die ostiranische Provinz Khorasan und machte mich auf die Suche nach Arabern. Und wurde fündig! Leider war die Zeit sehr knapp bemessen, drei Tage verbrachte ich in einem rein arabischsprachigen Dorf, weit abgelegen im Grenzgebiet zu Afghanistan, damals noch ohne Strom und fließendes Wasser. Meine in dieser Zeit entstandenen Tonaufnahmen und ihre grammatikalische Auswertung sind die ersten wissenschaftlichen Zeugnisse des Khorasan-Arabischen.

Danach wendete ich mich wieder dem Palästinensisch-Arabischen zu. Zusammen mit meiner Frau wohnte ich ein Jahr in einem Dorf in der Nähe von Ramallah und bereiste von dort aus über hundert Dörfer um Tonaufnahmen von alten Sprechern zu machen. Herausgekommen ist dabei ein dicker Textband mit palästinensischen Märchen und Geschichten in phonetischer Transkription und deutscher Übersetzung. Schließlich folgte basierend auf diesem Material als Dissertation eine ausführliche Grammatik und Dialektgeographie des arabischen Dialekts der Dörfer um Ramallah.

In der Folgezeit veröffentlichte ich noch ein Lehrbuch über den Dialekt der Städter in Palästina zum Gebrauch an Universitäten.

Fast zehn Jahre lang arbeitete ich an einem Wörterbuch des Palästinensisch-Arabischen. Dazu lebte ich nochmals ein Jahr in Ramallah bei einer christlichen Familie. Während ich in der Zeit meines Aufenthalts mit Helfern selbst Wortschatz sammelte, wertete ich danach die dialektogische Literatur aus und übernahm mit genauem Zitat die Wörter in mein Wörterbuch, die bei mir noch fehlten. Das Wörterbuch umfasst mehr als 9.000 Wurzeln mit ca. 31.000 Einträgen und Verweisen. Dazu kommen über 11.000 Beispiele und Zusammensetzungen sowie mehr als 56.000 Zitate. Es erschien im Dezember 2022 wie alle anderen Werke zuvor bei Harrassowitz als Buch. Es ist eines der umfangreichsten arabischen Dialektwörterbücher in eine europäische Sprache.

Danach veröffentlichte ich als Nebenprodukt meiner Wörterbucharbeit im Selbstverlag fünf Bände über „Lehnwörter im palästinensischen Arabisch“, „Tier- und Pflanzennamen des palästinensischen Arabisch“, „Palästinensische Sprichwörter“, „Die Verbtypen des palästinensischen Arabisch“ und „Parerga zum palästinensischen Lexikon“.

Schließlich erschien eine bearbeitete Auswahl palästinensischer Märchen auf Deutsch aus den Texten der Dörfer um Ramallah.



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